30
Okt

Ingenieurinnen – mehr Frauen braucht die Technik

Interview der ersten Frau beim VDI.

Frauen in Ingenieursberufen stellen nach wie vor eine Minderheit dar. In manchen Bereichen ist es weniger als eine von 10 Stellen, die von einer Frau besetzt wird. Einen leichten Aufwärtstrend gibt es immerhin bei der Ausbildung:. 23% aller im Wintersemester 2017/2018 in einem ingenieurwissenschaftliches Fach eingeschriebenen Studierenden waren weiblich.

Offensichtlich aber nicht ausreichend, denn Frauen und Technik werden auch im 21. Jahrhundert oftmals noch als ein unpassendes Paar wahrgenommen. people grow hat sich mit der Vorsitzenden des VDI-Netzwerks Frauen im Ingenieurberuf Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell über die Gründe dafür und die Chancen für Frauen in diesem Berufsfeld unterhalten.

people grow: Frau Prof. Kastell, in Deutschland gibt es zu wenig Ingenieurinnen. Stimmt das?

Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell: In der Tat sind Ingenieurinnen auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentiert, jedoch hat sich die Lage im Vergleich zu 2005 deutlich verbessert. Damals lag der Anteil erwerbstätiger Frauen in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften noch bei 14,7 Prozent Mittlerweile ist er auf 28 Prozent angestiegen, in den Ingenieurwissenschaften liegt er immerhin bei 18 Prozent. In den Kernbranchen sind Ingenieurinnen jedoch noch immer stark unterrepräsentiert. Bei Bauingenieuren liegt der weibliche Anteil bei knapp 14,5 Prozent und bei Elektrotechnik sogar nur bei knapp 7,5 Prozent (Zahlen aus dem Mikrozensus 2014, Anm. d. Red.).

people grow: Und warum begeistern sich nicht mehr Frauen sich dafür?

Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell: Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig entstehen sie auch durch unbewusste Faktoren im Rahmen unserer Sozialisation bereits im Kindesalter. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat hierzu in 2017 die Selbsteinschätzung von Schülerinnen und Schülern untersucht. Dabei kam heraus, dass sich Mädchen der fünften Klasse im Bereich der Mathematik für weniger begabt halten als Jungen. Der VDI versucht dem entgegenzuwirken und setzt sich für technische Bildung schon im frühen Kindesalter ein. Mit den VDIni-Clubs und den ZUKUNFSPILOTEN werden Kinder und Jugendliche spielerisch und praxisorientiert an MINT-Themen herangeführt. Außerdem unterstützt der VDI Technikfonds finanziell allgemeinbildende Schulen bei der technischen Bildung. Unter anderem haben auch die VDI-Ingenieurgeschichten der Gesellschaft die Augen für die vielfältigen Leistungen der Ingenieurinnen und Ingenieure geöffnet.

people grow: Was bedeutet es denn für Frauen, in einem männlich dominierten Berufsfeld zu arbeiten? Welche Probleme bringt das mit sich und welche Chancen für die Ingenierinnen?

Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell: Wir als VDI sehen mehr Chancen als Probleme für Frauen im noch männerdominierten Ingenieurberuf zu arbeiten. Der VDI möchte Frauen ermutigen, einen Ingenieurberuf zu ergreifen und so den Innovationsstandort Deutschland langfristig zu sichern. Diese Jobs gelten als besonders zukunftsträchtig. Im Ingenieurbereich herrscht fast Vollbeschäftigung. Laut regelmäßig erscheinendem VDI/IW-Ingenieurmonitor kommen auf eine Ingenieurin oder einen Ingenieur im Schnitt vier offene Stellen. Noch attraktiver werden Ingenieur-Jobs, wenn man die Verdienstmöglichkeiten sieht. So stellt die jährlich erscheinende Gehaltsstudie des VDI Verlags fest, dass die Bruttoarbeitsgehälter von Ingenieurinnen und Ingenieuren im Jahr 2017 durchschnittlich bei 60.400 Euro lagen. Diese Aspekte und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und abwechslungsreichen Aufgabengebiete machen es auch für Frauen attraktiv, sich für ein Studium der Ingenieurwissenschaften zu entscheiden. Hilfreich ist es, wenn man durch Vernetzung voneinander lernen kann. Das VDI-Netzwerk Frauen im Ingenieurberuf setzt sich dafür ein, diesen Austausch zu fördern und Frauen in diesem Berufsfeld sichtbar zu machen. Damit hoffen wir, dass sich der Frauenanteil langfristig erhöhen wird.

people grow: Als Personalberater gilt unser spezielles Augenmerk den Persönlichkeiten und individuellen Talenten von Mitarbeitern und wie wir diese bestmöglich in Unternehmen einsetzen können. Männer und Frauen sind ja nicht gleich. Sehen Sie aus Ihrer Perspektive bei Ingenieurinnen speziell weibliche Qualitäten, die rein männlichen Teams möglicherweise fehlen?

Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell: Aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die vom VDI Technologiezentrum GmbH gemeinsam mit Expertinnen und Experten ausgewertet wurde, wissen wir, dass vielfältige Teams innovativer und anpassungsfähiger sind. Divers aufgestellte Mitarbeitende finden bessere Lösungen für komplexe Probleme als homogene Gruppen. Potenziale lassen sich am besten ausschöpfen, wenn sich eine Gruppe wertschätzend verhält, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder körperlichen Beeinträchtigungen. Entscheidend wird sein, wie Organisationen geführt und entwickelt werden, um diese Vielfalt zu nutzen. Der VDI sucht hierfür den Dialog mit allen Beteiligten, erarbeitet Angebote zur Qualifizierung und wird hierbei vom VDI-Netzwerk Frauen im Ingenieurberuf unterstützt

people grow: Wir danken Ihnen für Ihre Antworten!

 

Gesprächspartnerin:

Prof. Dr.-Ing. Kira Kastell

Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Frankfurt University of Applied Sciences

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